Dauerpraktika als Lebensstil?
Es wurde hier ja schon thematisiert, dass besonders viele (unentgeltliche) Praktika im Medien- und Kulturbereich absolviert werden. In einem Artikel im Tagesspiegel wird dann auch eine Akademikerin vorgestellt, die mittlerweile schon über zehn Praktika absolviert hat – bei verschiedenen öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern:
Beim MDR produzierte die Praktikantin irgendwann für das Boulevardmagazin „Brisant“ Kurzspots mit Prominenten. „Ich arbeitete sechs Tage die Woche, bekam kein Geld und durfte noch nicht mal zum Mitarbeiterpreis in der Kantine essen“, beklagt sich Schönwitz heute. Warum sie das alles mitgemacht hat? „Die haben immer gesagt, ich hätte so riesiges Talent“, sagt Schönwitz. Zu Auswahlrunden für ein Volontariat ist sie trotzdem nie eingeladen worden.
Je mehr man sich damit beschäftigt, desto sprachloser wird man. MDR? Öffentlich-rechtlicher Fernsehsender? Ja, die werden durch Rundfunkgebühren der Bürger finanziert und sind nicht in der Lage, leistungsbereiten jungen Menschen eine angemessene Entlohnung zu bezahlen.
Hart ins Gericht geht eine Berufsberaterin mit den Absolventen:
Uta Glaubitz hat wenig Verständnis für solche Klagen. „Kaum einer, der nach dem Studium ein Praktikum macht, ist Opfer des Turbo-Kapitalismus“, sagt die Berliner Berufsberaterin. Viele Studenten, vor allem aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, betrachteten das Studium weniger als Vorbereitung auf das Berufsleben, als vielmehr als eine Art Lebensstil. Die wenigsten würden sich Gedanken machen über das, was später aus ihnen werden soll. „Und dann stehen sie da und sagen: Ich mach erst mal Praktikum. Anstatt endlich einmal zu entscheiden, was sie wollen“, sagt Glaubitz.
Studium, Praktika nur als Lebensstil? Kann daraus folgern, den Lebensstil zu ändern, um die eigenen Berufschancen zu verbessern? Denn es gibt ja anscheinend einen Mangel an Absolventen in technisch und mathematisch anspruchsvollen Fächern, die aber einen schnellen und finanziell sicheren Berufseinstieg schaffen, ohne befristete Beschäftigungsverhältnisse oder Dauerpraktika.
Könnte ein Kompromiss daran bestehen, zwar nach dem eigenen Interessen zu studieren, aber zusätzlich auch auf die Verwertbarkeit des angeeigneten Wissens auf dem Arbeitsmarkt zu achten – zum Beispiel durch zusätzliche Weiterbildung und Engagements?
